Unser Manifest

Wir haben lange diskutiert, vollständig ist es deswegen bestimmt noch nicht.
Aber auf diese Grundsätze konnten wir uns einigen:



Manifest Slutwalk München

Slutwalk München ist ein Zusammenschluss aus Einzelpersonen. Unser Protest wendet sich gegen sexualisierte Gewalt, deren Verharmlosung und Rechtfertigung sowie gegen Sexismus und Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und/oder sexueller Orientierung.

Was wir kritisieren und bekämpfen wollen:

- Sexualisierte Gewalt - ist die Instrumentalisierung einer sexuellen Handlung um Macht auszuüben und zu unterwerfen. Sexualisierte Gewalt ist jedes Verhalten, das die sexuelle Selbstbestimmung, die sexuelle Integrität oder die sexuelle Intimsphäre eines Menschen verletzt. Wir kämpfen gegen sexualisierte Gewalt gegenüber allen Geschlechtern (Frauen, Männer, Transgender, intersexuelle und queer lebende Menschen) in dem Bewusstsein, dass Frauen* und marginalisierte Gruppen in einem erheblich höheren Ausmaß betroffen sind.

- Die Verharmlosung, Legitimation und Leugnung von sexualisierter Gewalt durch sogenannte Vergewaltigungsmythen, d.h. falsche Überzeugungen zum Thema sexualisierte Gewalt, die dazu dienen, Gewalt zu rechtfertigen und die Täter*in1 aus der Verantwortung zu nehmen. Es gibt viele verschiedene Mythen zu sexualisierter Gewalt, u.a.:

- die Annahme, dass Frauen* durch „aufreizende“ Kleidung eine Mitschuld an Übergriffen tragen - Fakt ist, dass Kleidung und Aussehen bei sexualisierter Gewalt keine Rolle spielen.

- die Vorstellung, dass Vergewaltigungen nachts auf der Straße stattfinden – in den meisten Fällen findet sexualisierte Gewalt im Nahbereich durch den eigenen Partner, einen Freund oder Verwandten statt.

- die Annahme, dass Männer* nun mal so sind - es gibt keine wissenschaftliche Grundlage dafür, dass Männer* ihr Sexualverhalten nicht kontrollieren könnten und somit „triebgesteuert“ wären.

- die Überzeugung, dass Vergewaltiger psychisch krank sind – Fakt ist, dass Vergewaltigungstäter*innen zu 95% keine psychopathologische Auffälligkeiten aufweisen.

- Die Annahme, dass Frauen* falsche Anschuldigungen nutzen, um einem Mann zu schaden – die Anzahl an Falschbeschuldigungen ist marginal, sie liegt laut Schätzungen bei 2-8%.

Diese Mythen und Vorurteile verhindern, dass Betroffene sich wehren, Anzeige erstatten und schützen die Täter*innen.

- Slut-Shaming greift Frauen für ihr sexuelles Verhalten an und redet ihnen Schamgefühle ein. Bzgl. Sexualität existiert ein Doppelstandard in unserer Gesellschaft: Männer* können jederzeit und aus jedem Grund Sex haben – Frauen* nicht. Frauen* werden abgewertet, wenn sie ihre Sexualität auf eine Weise ausdrücken, die nicht den geschlechtsstereotypen Erwartungen entspricht. Ihr

1 In ca. 99% der Fälle von sexualisierter Gewalt sind die Täter Männer.

Verhalten wird dann als promiskuitiv und sie selbst als Schlampen bezeichnet. Frauen* können angegriffen werden, weil sie offen mit ihrer Sexualität umgehen, weil sie mit mehreren Partner*innen Sex haben, weil sie sich vermeintlich „provokativ“ kleiden oder weil sie ein erfülltes Sexualleben genießen und mutig ihre eigene Sexualität beanspruchen. Jede Frau*, egal ob und in welcher Form sie ihr Sexualleben gestaltet, kann Opfer von Slut-Shaming werden.

- Sexismus  bezeichnet die Diskriminierung aufgrund von Geschlecht sowie die Einstellungen und Strukturen, die diese Diskriminierung begünstigen. Sexismus muss nicht feindselig sein. Er beginnt bereits dort, wo bestehende Geschlechterhierarchien und vermeintlich natürliche Geschlechtsunterschiede künstlich aufrechterhalten werden (Bsp: „Frauen* können besser mit Gefühlen umgehen, sind emotionaler“). Sexismus existiert in alle Richtungen, Frauen* sind aber in einem erheblich höheren Ausmaß betroffen. Sexismuserfahrungen können außerdem nicht gleichgestellt werden, denn Sexismus besteht aus Vorurteilen in Verbindung mit Macht. Frauen* aber fehlt diese institutionalisierte Macht, die Männer* haben.

- Sexismus wie sexualisierte Gewalt hängen eng mit bestehenden ungleichen Machtverhältnissen zusammen. Das gesellschaftliche Zusammenleben ist geprägt von einer hierarchischen Beziehung zwischen den Geschlechtern. An der Aufrechterhaltung dieser Strukturen sind Männer* wie Frauen* beteiligt. Frauen* sind Männern in den unterschiedlichsten Lebensbereichen strukturell untergeordnet. Positionen in der Arbeitswelt, im Familienleben etc. werden in Abhängigkeit vom Geschlecht zugewiesen - Frauen* sind dabei benachteiligt. Diese strukturelle Gewalt gegen Frauen* fördert einerseits sexualisierte Gewalt und Sexismus und wird anderseits durch diese stabilisiert.

- Wir leben in einem täterorientierten Rechtssystem, das die Menschen, die sexualisierte Übergriffe erfahren mussten, nicht ausreichend schützt, ihre Wahrnehmungen in Frage stellt bzw. durch fremde Kriterien bewertet und der Falschbeschuldigung verdächtigt. Selbst wenn sich Betroffene trauen, die Tat anzuzeigen, können sie nicht damit rechnen, dass ein Strafverfahren eingeleitet und die Täter*in zur Verantwortung gezogen wird. 2012 wurden nur 8,4% aller mutmaßlichen Täter*innen auch verurteilt. Die Quote der Verurteilungen sinkt seit Jahren beständig.

- Geschlechterstereotype: Das soziale Geschlecht, d.h. Unterschiede im Verhalten, Fühlen und Denken zwischen Frauen* und Männern* sind nicht angeboren, sondern sozial konstruiert. Aus dieser Konstruktion resultieren Geschlechterrollen- und stereotype. Mit diesen Vorstellungen über vermeintlich natürliche „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften gehen Einschränkungen, Bewertungen,

Verhaltenserwartungen und unterschiedliche Machtpositionen einher. Diese binären Zuschreibungen sind in sich gewaltvoll, da sie keine Perspektivenwechsel oder Abweichungen zulassen. Männer wie Frauen werden in Rollen gepresst und leiden darunter.

- Zweigeschlechterordnung und Heteronormativität: Indem Heterosexualität sowie die Zweigeschlechterordnung als normal gelten, wird alles andere als Abweichung betrachtet und werden andere Gender- und Lebensformen bzw. nicht-normative Lebensweisen diskriminiert.

Was wir fordern:

Unser Ziel ist die Abschaffung von Vergewaltigungsmythen, von Gewaltstrukturen sowie jeglicher Art der Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und/oder sexueller Orientierung. Wir setzen uns dafür ein, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt als solche wahrgenommen, benannt, verurteilt und letztendlich beendet werden und dass nicht den Betroffenen die Schuld gegeben wird. Das bedeutet im Einzelnen:

- Das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die Wahrung der persönlichen Grenzen sowie die Unantastbarkeit der sexuellen Integrität eines jeden Menschen sind uneingeschränkt einzuhalten.

- Die persönliche Entscheidung für oder gegen eine sexuelle Annäherung ist zu jeder Zeit und unter allen Umständen zu respektieren - Nein heißt Nein!

- Wir fordern, dass sexuelle Belästigung und Gewalt nicht verharmlost und legitimiert werden, die Verantwortung bei der Täter*in bleibt und Betroffene ausreichend Unterstützung und Schutz bekommen.

- Wir fordern eine Reformierung des §177 StGB! Nur ein Bruchteil der angezeigten Vergewaltigungen führt zu einer Verurteilung. Dies liegt vor allem daran, dass die Betroffenen beweisen müssen, dass sie den Geschlechtsverkehr nicht wollten, was im Nachhinein so gut wie unmöglich ist. Das Ausmaß an Gegenwehr, das geleistet werden muss, damit die Tat als Vergewaltigung gewertet wird, ist unfassbar. Weder ein „Nein, ich will das nicht“ noch das gewaltsame Herunterreißen der Kleidung reichen aus, um den Tatbestand zu erfüllen. Die meisten Verfahren führen daher erst gar nicht zu einem Prozess, sondern werden eingestellt. Diese Gesetzeslücke muss geschlossen werden. Gleichzeitig muss der Umgang mit den Betroffenen im Gerichtsverfahren verbessert werden, um eine Retraumatisierung so gut es geht zu vermeiden.

- Aufgrund ihrer Sozialisation fehlt vielen Frauen* das Bewusstsein und das Gefühl für die eigenen Grenzen bzw. dafür, wann diese überschritten wurden. Daher ist es unser Anliegen Frauen* in ihrer Autonomie und Selbstwahrnehmung zu stärken und sie zu ermutigen sich gegen Übergriffe und Sexismus zu wehren.

- Sexuelle Selbstbestimmung: niemand darf wegen seiner/ihrer Art zu begehren, sich zu kleiden, seiner/ihrer Sexualität Ausdruck zu verleihen abgewertet werden. Wir fordern eine Gesellschaft, in der jeder Mensch so aussehen darf, wie er/sie sich wohlfühlt und begehren darf, wen er/sie begehrt, solange dies konsensuell also eindeutig von beiden Seiten einvernehmlich geschieht.

- Geschlechterverhältnisse aufbrechen: Wir fordern die gesellschaftliche Konstruktion von männlicher und weiblicher Identität und das damit einhergehende hierarchische Geschlechterverhältnis als eine Ursache von Sexismus und sexualisierter Gewalt zu erkennen und zu verändern.

- Wir setzen uns für Rollenvielfalt sowie die Anerkennung von Vielfalt im Hinblick auf Geschlecht, sexuelle Identität und Orientierung ein.

- Wir wollen das Thema Sexismus und sexualisierte Gewalt ins öffentliche Bewusstsein rücken und eine sexismuskritische Sensibilisierung der Öffentlichkeit erreichen.

Unsere Handlungsgrundsätze

Feministisch:

Wir verstehen unser Engagement als politische Arbeit. Unsere Haltung ist dabei systemkritisch und feministisch, wir setzen uns für die volle rechtliche, politische und soziale Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ein. Dabei nehmen wir für uns in Anspruch, bestehende, gängige Meinungen nicht vorbehaltlos zu übernehmen, sondern uns kritisch mit aktuellen Themen und feministischen Inhalten auseinanderzusetzen. Wir wollen ein gesellschaftliches Umdenken herbeiführen und Veränderungsprozesse in Gang setzen. Dazu gehört, die Öffentlichkeit über Fakten zu sexualisierter Gewalt aufzuklären. Unsere vorrangigen Ziele sind die Abschaffung von Vergewaltigungsmythen sowie die Bekämpfung sexualisierter Gewalt und sexistischer Strukturen. Dabei ist uns wichtig, alle Ebenen (zwischenmenschlich, institutionell, gesellschaftlich) und alle Formen von Diskriminierung einzubeziehen und zu bearbeiten. Uns ist bewusst, dass die vielschichtigen Verstrickungen und Abhängigkeiten verschiedener Dimensionen von Diskriminierung untereinander von Bedeutung sind. Wir wenden uns gegen jegliche Ausgrenzung und Herabsetzung von Menschen bezüglich des Geschlechts, der sexuellen Orientierung und Identität, der ethnischen Herkunft, der sozialen Schicht, der Bildung, der körperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit, der Religion, des Alters sowie des Aussehens und setzen uns für die Anerkennung von Vielfalt und Pluralität v.a. im Hinblick auf Gender, sexuelle Identität und Orientierung ein.

Parteilich:

Wir nehmen eine parteiliche Haltung gegenüber den Betroffenen ein. Dies schließt auch das Zusprechen der Definitionsmacht an die Betroffenen ein: Bislang liegt die Definitionsmacht über den Gewaltbegriff – normiert durch rechtliche Definitionen - meist in den Händen männlich Definierender. Wir gehen davon aus, dass jede Frau und jedes Mädchen ihre Grenzen selbst setzt und daher nur sie für sich selbst sagen kann, was sie als Gewalt empfindet und wie sie diese Gewalt wahrnimmt. Wir unterscheiden diesbezüglich ausdrücklich zwischen juristischer und gesellschaftspolitischer Ebene. Innerhalb des Rechtssystems ist es nicht möglich den Betroffenen die Definition zu überlassen. Hier werden aber gleichzeitig die Grenzen unseres Rechtssystems sichtbar, denn ein richterlicher Freispruch bedeutet keineswegs, dass die/der Betreffende auch tatsächlich unschuldig ist. Uns geht es darum, der Definition, die den Betroffenen aufgezwungen wird, eine andere Definition entgegenzusetzen. Zentral für die Definition von Gewalt ist das persönliche Empfinden einer Grenzüberschreitung. Das Benennen eines sexualisierten Übergriffes darf nicht in Frage gestellt werden. Ein Übergriff mag im juristischen Sinne nicht verfolgbar sein, für die Betroffenen war es aber trotzdem eine Vergewaltigung. Indem wir diese Haltung einnehmen, d.h. den Betroffenen uneingeschränkt glauben, stellen wir die Betroffenen in den Mittelpunkt und betrachten ihr Empfinden als Maßstab. Dies soll zum einen Betroffene darin bestärken ihre Erfahrungen zu äußern sowie ihre Grenzen ernst zu nehmen und zum anderen das gesellschaftliche Bewusstsein sensibilisieren. Das Rechtssystem ist nur ein kleiner Teil von Politik und ein Gesetz das letzte Ergebnis eines politischen Aushandlungsprozesses. Durch die Umverteilung der Definitionsmacht kann diesbezüglich ein Veränderungsprozess in Gang gesetzt werden. Die gesellschaftliche nicht-juristische Definitionsmacht, die Betroffenen zugesprochen wird, wird sich darauf auswirken, wie mit Betroffenen umgegangen wird und ob sie sich trauen den Übergriff anzuzeigen.

Solidarisch:

Sexualisierte Gewalt ist ein alltägliches Phänomen. Wir zeigen uns solidarisch mit allen Betroffenen und kämpfen gemeinsam gegen jegliche Form sexualisierter Gewalt und Diskriminierung. Indem wir unsere Aktion Slutwalk nennen, zeigen wir uns vor allem mit all jenen solidarisch, denen aufgrund der Art ihrer Kleidung oder ihres Verhaltens eine Mitschuld an der Verletzung, die ihnen angetan wurde, zugesprochen wird.

Um der sozialen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit Rechnung zu tragen, markieren wir bestimmte Begriffe mit einem *.

Quellen:

Terre des femmes Menschenrechte für die Frau e.V. 08/2013: Flyer „Gemeinsam gegen sexualisierte Gewalt“

re.Action Readergruppe für emanzipatorische Aktion 2010: Antisexismus_reloaded, UNRAST-Verlag, Münster

https://www.frauen-gegen-gewalt.de/vergewaltigung-verurteilen.html

http://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und- sexualisierte-gewalt/146-was-ist-haeusliche-gewalt/1188-begriffsklaerung

http://www.frauenrechte.de/online/index.php/themen-und-aktionen/haeusliche-und- sexualisierte-gewalt/146-was-ist-haeusliche-gewalt/1189-vorurteile-und-mythen

http://feminismus101.de/slut-shaming/

http://feminismus101.de/was-ist-sexismus/

Beschlossen am 18.06.2014


1 Kommentar:

  1. Ganz einfach gesagt lässt die Menschen leben das sie glücklich sind . Und verurteilt solche die es nicht akzeptieren? 🤔

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